"Stummes Gespräch"


Film: "Stummes Gespräch" in der Parochialkirche in Berlin, März 2012





Zum Entstehungsprozess


1. Begegnung
2. Die Idee
3. Michael Rockstroh reist zu Zwi Kanar
4. Am 18.4.2009 stirbt Zwi Kanar
5. "Lass mich nicht verstummen"
6. Planung in Dresden
7. Die neue Synagoge in Dresden
8. Das Gerüst entsteht
9. Probeaufbau in Berlin
10. Jiddische Musik- und Theaterwoche Dresden
11. Zwi Kanars Buch erscheint auf Deutsch
12. Bilder von verschiedenen Ausstellungen

1. Begegnung

An einem Abend im Oktober 2007 lassen wir uns durch Dresden treiben. Vor dem Nieselregen suchen wir Schutz im Sozietaetstheater, ohne zu wissen, was dort auf dem Spielplan steht und erfahren an der Kasse, dass die Vorstellung ausverkauft ist. Doch während wir noch rätseln, was stattdessen aus dem Abend werden könnte, werden zwei Karten an der Kasse zurückgegeben. So landen wir also in der dritten Reihe des Theatersaals - hautnah am Geschehen.


Foto: A. Glück
Der Raum wird dunkel, rhythmisches Trommeln lässt auf der schwarzen, leeren Bühne einen Urwald wachsen. Es erscheint ein kleiner Mensch, einem daher trottenden Affen ähnlich verwandelt er sich vor unseren Augen in einen aufrecht gehenden Menschen, dessen stolze Schritte von klassischer Musik untermalt sind. Die Musik wird rhythmischer, verwandelt sich in einen Marsch, so wie der Mann vor unseren Augen marschierend zum Soldaten wird. Mit dem unsichtbaren Gewehr schießt er unter Trommelwirbeln geduckt in die Menge, lässt die Arme sinken und trottet wieder als primitives Wesen daher. Wir sind zurück im Urwald... Zwi Kanar hat uns mitgenommen auf eine seiner Wandlungsreisen.

Es folgen an diesem Abend noch andere: So die gebrechliche Dame, die in ein Nickerchen gesunken zum blühenden Mädchen wird, dass im Arm des Verehrers im Tanzschritt über die Bühne schwebt und zurückkehrt in die Erschöpfung des Alters. Auch Jung und Alt sind nur zwei Seiten einer Medaille. Wir sind fasziniert von der Sparsamkeit der Mittel, mit denen Zwi Kanar eine ganze Welt schafft.

Im zweiten Teil des Abends liest er aus seiner jiddischen Biographie. Die Übersetzung ins Deutsche raubt mir für einen Moment die Fassung. Zwi Kanar erzählt von einer Phantasiereise: Was wäre, wenn er, der polnische Jude, geboren 1931, zurückkehren könnte in sein Schtetl und alle würden noch leben... Diese - zufällige – Begegnung mit Zwi Kanar lässt mich nicht mehr los. Am nächsten Tag nehme ich Kontakt mit dem Veranstalter auf. Ein Plan entsteht...
Foto: A. Glück
2. Die Idee

Der von Zwi Kanar gelesene Text schildert die Begegnung auf dem Marktplatz seines Heimatstädtchens mit Freunden und Verwandten, die im Holocaust umgekommen sind. So wie Zwi Kanar uns zuvor die Gleichzeitigkeit von Alt und Jung vorgeführt hat, so entwickelt er in seinem Text eine andere Parallele: Er selbst, Opfer der Naziverfolger entdeckt im Gespräch mit den Verstorbenen unversehens Schuldgefühle. Das Opfer – ein Schuldiger? Zuhörend fühle ich mich auf den Marktplatz versetzt, spüre die Bedrückung, ahne die Verzweiflung und der letzte Satz klingt in mir nach wie ein nicht endender Ton: Überlebt und verloren... Ich werde diesen Marktplatz abstrahiert darstellen, dem gehörten Text meine Handschrift leihen, versuchen das Gelesene erlebbar zu machen.

3. Michael Rockstroh reist zu Zwi Kanar

Im Oktober 2007 hatte Michael Rockstroh als Veranstalter der jiddischen Musik- und Theaterwochen Zwi Kanar nach Dresden eingeladen. Im Dezember reist er nach Tel Aviv, im Gepäck meine Projektplanung mit Fotos und Stoffproben und die Frage: Darf ich seine Biographie in Auszügen auf Stoff schreiben und um einen fiktiven Marktplatz arrangieren? Zwi Kanar ist angetan von der Idee. Allein es fehlen die Sponsoren für das aufwendige Projekt.

4. Am 18.4.2009 stirbt Zwi Kanar

... aber sein Buch soll erscheinen und im Sommer beginne ich mit der Arbeit am Projekt„Stummes Gespräch“. Im übersetzten, aber noch nicht lektorierten Buch finde ich Passagen, die wiedergeben, was mich zutiefst bewegt. Eine bohrende Frage begleitet mein Tun: Wie kann jemand, der so gelitten hat wie Zwi Kanar, letztlich von Schuldgefühlen geplagt werden? Ich stelle Textstellen zusammen, entwerfe Textfahnen in Originalgröße, finde farbliche Nuancen, die zwischen Erlebtem und Phantasiertem unterscheiden und hoffe in den sparsam ausgewählten Passagen doch das Ganze zu spiegeln. Schließlich beginne ich auf Stoff zu schreiben. Ich leihe Zwi Kanar meine Hand – je öfter die Texte geschrieben, die Schrift ausgearbeitet werden muss, desto mehr dringen seine Erlebnisse in meine Welt.

5. "Lass mich nicht verstummen"

Während ich Tag für Tag mit seinen Worten umgehe, schreibe, verwerfe und nach neuen Lösungen suche, wird seine Nähe geradezu körperlich spürbar, als stünde er selbst in meiner Werkstatt. Ich horche in die Stille und höre wieder und wieder: Lass mich noch nicht verstummen...

6. Planung in Dresden

Im August 2009 reisen wir ein zweites Mal nach Dresden. Michael Rockstroh hat Sponsoren für unser Projekt und Räume gefunden, in denen der fiktive Marktplatz entstehen kann. Wir schauen Verschiedenes an und wählen schließlich einen Raum in der Louisenstraße aus. Hier kann die Installation stehen, parallel können Videoaufnahmen seiner pantomimischen Szenen gezeigt werden. Die Planung steht.

7. Die neue Synagoge in Dresden

Am nächsten Morgen kehren wir noch einmal in die Innenstadt zurück. Wie vor zwei Jahren lassen wir uns treiben. Irgendetwas zieht uns zur neuen Synagoge. Aber das Gelände ist geschlossen. Ich lehne mich gegen die Tür zum Innenhof und die gibt nach. Zögernd dringen wir ein und bis in den Gemeindesaal vor. Der große Saal mit den schmalen Fenstern, die die Außenwelt nur in winzigen Ausschnitten hereinlassen, entfaltet seine Wirkung.

Mit einer beschriebenen Stoffbahn erproben wir die Lesbarkeit und Wirkung.

In Gedanken sehe ich die beschriebenen Stoffe in einen Kubus aus Holzleisten gehängt – leicht, sodass Luftbewegung mit ihnen spielt, sie „atmen“ können. Wie durch ein Labyrinth soll der Lesende sich bewegen, sich dem Text nicht sofort wieder entziehen können. Das „begehbare Buch“ muss abgeschritten quasi körperlich erfahren werden, als würde man selbst auf einem fiktiven Marktplatz stehen und sei ins Gespräch verwickelt. Das Gebäude der neuen Synagoge fasziniert mich: Einerseits wirkt die äußere Fassade schutzbietend, andererseits abweisend. Der Klotz scheint in einer Art schraubender Bewegung gen Himmel zu streben. Im Innenraum stehen wir vor einem massiven Holzkubus mit einem textilanmutenden, transparenten Zeltdach.

Nun sehe ich es vor mir, mein symbolischer Marktplatz aus Holzleisten und Stoffbahnen spiegelt die architektonische Situation der Synagoge ins Gemeindehaus – dort muß sie stehen, die Installation. Ich rufe Michael Rockstroh an, der an diesem Sonntagnachmittag über der Endfassung des Programms für die jiddischen Musik- und Theaterwochen schwitzt und bitte ihn, diese Idee mit der jüdischen Gemeinde zu besprechen.

8. Das Gerüst entsteht

24 Textbahnen sind geschrieben und zugeschnitten. Nun beginnt die Planung der Montage. In Zusammenarbeit mit der Tischlerei Cabinet in Berlin entsteht zunächst aus in den Sand gesteckten Holzabschnitten die Idee für eine Gerüstkonstruktion. Der Kubus muss transportabel und dabei stabil sein, schließlich soll er an verschiedenen Orten installiert werden. Der Weg durch den Wandelgang wird festgelegt, damit die Textpassagen chronologisch gelesen werden können. Das Gespräch, die Fragen und Vorwürfe, das unausweichliche Gefühl dem Verlust nicht zu entkommen, sollen abgeschritten und dadurch physisch „erlebbar“ gemacht werden.

Stück für Stück entstehen die Bauteile der Holzkonstruktion aus massiven Buchenbrettern in der Tischlerei. Als das gelieferte Holz in meiner Werkstatt liegt, wirkt es zu lebendig und warm.


Zwi Kanar ist im Lager in Buchenwald seinem Vater noch einmal begegnet. Auch dieser letzte, zutiefst bewegende Dialog zwischen Vater und Sohn ist Teil der Installation. Deshalb entscheide ich mich für einen schwarzen Anstrich und die Reduktion auf schwarz, grau und weiß.


Immer wieder beschäftigt mich die Frage: Wie kann das überlebende Opfer sich schuldig fühlen? Zwi Kanar, der als Kind nach Buchenwald kam und auf den Todesmarsch geschickt wurde, entkommt dem Wahnsinn als Überlebender und leidet doch den Rest seines Lebens unter einem Schuldgefühl. Er formuliert das so:
Überlebt und verloren.

9. Probeaufbau in Berlin

Anfang Oktober machen wir einen ersten Probeaufbau. Wir brauchen dafür über 16 qm freie Fläche und ebenen Boden. Am Einheits- und Erntedankwochenende werden die meisten größeren Räume in Berlin für Feste und Feierlichkeiten gebraucht. Aber in der Volkshochschule dürfen wir einen Saal nutzen.

Wir sortieren die unterschiedlichen Bauteile und stecken die Rahmen zusammen. Stück für Stück entsteht der Raum...


Wir können zum ersten Mal dem Gedankenpfad folgen und durch das „Labyrinth“ der Texte gehen. Ein bewegender Moment.


10. Jiddische Musik- und Theaterwoche Desden

Im Rahmen der 13. Jiddischen Musik- und Theaterwochen wird das "Stumme Gespräch"/ Auf den Spuren Zwi Kanars... in Dresden gezeigt - zunächst in der Louisenstraße in Dresden -Neustadt.


Zur Abschlussveranstaltung - einer Hommage an das Leben und Werk Zwi Kanars - mit Textvorträgen, Musik- und Filmbeiträgen ist auch das "Stumme Gespräch" im Gemeindehaus neben der Neuen Dresdener Synagoge installiert.



11. Zwi Kanars Buch erscheint auf Deutsch

2011 erscheint Zwi Kanars Buch zur Buchmesse in Leipzig auf Deutsch.
Jona oder "A Fish hat mikh nisht ayngeshlungen", Zwi Kanar, Goldbogen Verlag
ISBN 978-3-932434-30-3
Mehr zum Buch erfahren sie auf www.juedische-woche-dresden.de/jona.
Käuflich erwerben können Sie das Buch auf www.goldbogenverlag.de oder www.amazon.de.


12. Die Installation in verschiedenen Ausstellungen

"Stummes Gespräch" in der Französischen Kirche in Potsdam, August 2010



"Stummes Gespräch" in der Parochialkirche in Berlin, März 2012



Sehen Sie den Film: Das "Stumme Gespräch", Parochialkirche, Berlin, 2012



- Impressum -